Bijker, Wiebe E. (2007):
"Die Verwundbarkeit der technologischen Kultur: Ausblicke auf eine demokratische Moderation von Katastrophen und Segnungen der Technik." Entfesselte Kräfte: Technikkatastrophen und ihre Vermittlung: Internationale Tagung am 6. und 7. Juli 2007 in Köln. Eds. Petzold, Dieter; Drux, Rudolf; Kegler, Karl R.. Moers: Brendow. 37-57. Inklings-Jahrbuch; 25.
Article in Anthology
Abstract

Technologische Systeme sind verwundbar. Dies verdeutlichen beispielhafte Unfälle und die entsprechenden wissenschaftlichen Studien zu Genüge. Charles Perrow argumentierte bereits 1984, dass in modernen Gesellschaften mit ihren großen, eng verkoppelten technologischen Systemen Unfälle “normale” Ereignisse darstellen. Jüngere Studien haben dies an mehreren Beispielen aufgearbeitet: an der Challenger-Katastrophe, dem Chemieunglück im indischen Bhopal, an Unfällen in Luftverkehr und in der Atomwirtschaft. Der Begriff 'verwundbar’ wird in der Regel in Bezug auf Lebewesen und Ökosysteme angewandt und bezeichnet die Möglichkeit, durch Schmerz oder Verletzungen betroffen zu werden. Damit verknüpfte Bedeutungen sind: wehrlos, unvorbereitet, schwach und schutzlos. In diesem Sinne bezeichnet der Terminus 'verwundbar’ die Eigenschaft eines Lebewesens oder Systems ganz unabhängig von einem gegebenen Kontext. Es scheint jedoch sehr viel sinnvoller, Verwundbarkeit als relationales Konzept zu betrachten. So entwickeln Piers Blaikie u. a. bei der Betrachtung natürlicher Risiken eine relationale und aktive Definition: Sie bezeichnen Verwundbarkeit (Vulnerabilität) als verminderte “Fähigkeit, natürliche Risiken vorherzusehen, zu überstehen und zu bewältigen.” Begreift man den Begriff in dieser aktiven Weise, kann es mitunter sogar etwas Positives bedeuten, verwundbar zu sein: es impliziert, Abwehrmechanismen abzubauen, Schwachstellen einzugestehen und auf die eigene Achillesferse hinzuweisen. All dies ist mehr ein Zeichen von Stärke als von Schwäche.


Technological systems can be vulnerable, as is abundantly clear from a long list of accidents and accompanying scholarly treatises. As early as 1984, Charles Perrow argued that in modem societies, with their large, complex, and tightly-knit technological systems, accidents are ‘normal'. Recent studies cover, for example, the Challenger disaster, the Bhopal chemical plant explosion, aviation accidents, and nuclear accidents. The common meaning of ‘vulnerable' is ‘sensitive to being hurt or wounded,' and the term is often applied to ecosystems or living beings. Associated connotations are: defenceless, unprepared, weak, and naked. ‘Vulnerable\ then, seems to describe an intrinsic characteristic of a being or system, quite independently of the system's concrete context. It is more fruitful, however, to analyze vulnerability as a relational concept. Writing about natural hazards, Piers Blaikie et al. offer a relational and active definition of vulnerability: the reduced “capacity to anticipate, cope with, resist, and recover from the impact of a natural hazard.” Sometimes associated to this active meaning is also a more positive connotation of being vulnerable: lowering your defences, exposing your weak spots, showing your Achilles heel - which can be an expression o f strength and superiority rather than weakness.