"Erleiden - begreifen - erzählen:
Abstract
Technische Katastrophen haben mit Kriminalfällen gemeinsam, dass Opfer und Schäden unmittelbar zutage treten, Ursachen und Verantwortlichkeiten dagegen erst später offenbar werden - mitunter erst nach Ermittlungen, die Monate und Jahre dauern können. Katastrophenberichte sind daher zugleich von der unmittelbaren Betroffenheit wie durch ein spezifisches Nicht-Wissen gekennzeichnet. Der literarischen Verarbeitung von Katastrophen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Funktion zu, da Erzählen Sinnzusammenhänge konstruiert und rekonstruiert, die in einer tagesaktuellen Berichterstattung fehlen. Literarische Katastrophenbilder vermitteln dabei weniger konkrete Handlungsanweisungen, sie beinhalten vielmehr Orientierungsmodelle, die das Grundverständnis von technischem Fortschritt, modernen Risiken und menschlicher Fehlbarkeit betreffen. Mein Beitrag wendet sich literarischen Beispielen zu, die sich der beschriebenen Dichotomie von Wissen und Nicht-Wissen gezielt zur Inszenierung fiktiver Katastrophenereignisse bedienen. In fiktionalen Konstellationen betrifft diese Polarität insbesondere zwei herausgehobene Akteursgruppen: wissenschaftlich-technische Experten und die Presse. Beide Gruppen sind in fiktionalen Katastrophen fast regelmäßig präsent, Expertenmeinungen und das begleitende Mediengewitter werden zum integrativen Bestandteil der Katastrophendarstellung. Gerade im fiktionalen Katastrophenfall ist das Herausstreichen des Nicht-Wissens einer Gruppe dazu geeignet, ihre Führungs- und Vermittlungsfunktion zu hinterfragen. Nichtwissen kann aber auch offensiv verwendet werden, um sich bestimmten Schlussfolgerungen, die aus katastrophalen Zuständen erwachsen, zu verschließen oder ihnen einen parabelhaften Sinn zuzulegen.
Technological disasters and crime-stories have something in common: victims and damages are immediately visible whereas causes and responsibilities may be found only much later - sometimes after months and years of investigation. Thereforeyreports of disasters are characterized both by the immediacy of perception and a specific lack o f explanation. In this context the literary treatment of disasters gains an important function: the act of telling constructs and re-constructs implications and consequences that are missing in up-to- the-minute reports. Literary images o f disaster; however; do not provide concrete precepts o f how to act in a situation o f danger; but they offer models of orientation that explain and demonstrate concepts o f technological progress, present-day risks and human proneness to error. My paper deals with stories that stage fictional disasters by using this dichotomy of knowledge and ignorance. In fictional plots, this polarity is exemplified particularly by two groups: scientific experts and the media. Both groups are commonly present in stories o f technological disaster; expert-statements and media hype are integral parts o f the representation of disasters. Revealing the ignorance of either side under the threat of a fictional catastrophe is also a very efficient means to draw a group's competence of leadership or communication into doubt. But ignorance can also be used to evade certain conclusions that should be drawn from disasters or - as an other possibility - to ascribe a parabolic meaning to a situation.
