Kegler, Karl R. (2007):
"Erleiden - begreifen - erzählen: Fiktionale Technikkatastrophen und die Ungleichzeitigkeit von Wissen und Nicht-Wissen." Entfesselte Kräfte: Technikkatastrophen und ihre Vermittlung: Internationale Tagung am 6. und 7. Juli 2007 in Köln. Eds. Petzold, Dieter; Drux, Rudolf; Kegler, Karl R.. Moers: Brendow. 58-91. Inklings-Jahrbuch 25.
Article in Anthology

Abstract

Technische Katastrophen haben mit Kriminalfällen gemeinsam, dass Opfer und Schäden unmittelbar zutage treten, Ursachen und Verantwortlich­keiten dagegen erst später offenbar werden - mitunter erst nach Ermitt­lungen, die Monate und Jahre dauern können. Katastrophenberichte sind daher zugleich von der unmittelbaren Betroffenheit wie durch ein spezi­fisches Nicht-Wissen gekennzeichnet. Der literarischen Verarbeitung von Katastrophen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Funktion zu, da Erzählen Sinnzusammenhänge konstruiert und rekonstruiert, die in einer tagesaktuellen Berichterstattung fehlen. Literarische Katastrophenbil­der vermitteln dabei weniger konkrete Handlungsanweisungen, sie bein­halten vielmehr Orientierungsmodelle, die das Grundverständnis von tech­nischem Fortschritt, modernen Risiken und menschlicher Fehlbarkeit be­treffen. Mein Beitrag wendet sich literarischen Beispielen zu, die sich der beschriebenen Dichotomie von Wissen und Nicht-Wissen gezielt zur Insze­nierung fiktiver Katastrophenereignisse bedienen. In fiktionalen Konstella­tionen betrifft diese Polarität insbesondere zwei herausgehobene Akteurs­gruppen: wissenschaftlich-technische Experten und die Presse. Beide Grup­pen sind in fiktionalen Katastrophen fast regelmäßig präsent, Experten­meinungen und das begleitende Mediengewitter werden zum integrativen Bestandteil der Katastrophendarstellung. Gerade im fiktionalen Katastro­phenfall ist das Herausstreichen des Nicht-Wissens einer Gruppe dazu geeignet, ihre Führungs- und Vermittlungsfunktion zu hinterfragen. Nicht­wissen kann aber auch offensiv verwendet werden, um sich bestimmten Schlussfolgerungen, die aus katastrophalen Zuständen erwachsen, zu ver­schließen oder ihnen einen parabelhaften Sinn zuzulegen.


Technological disasters and crime-stories have something in common: victims and damages are immediately visible whereas causes and responsibilities may be found only much later - sometimes after months and years of investiga­tion. Thereforeyreports of disasters are characterized both by the immediacy of perception and a specific lack o f explanation. In this context the literary treatment of disasters gains an important function: the act of telling constructs and re-constructs implications and consequences that are missing in up-to- the-minute reports. Literary images o f disaster; however; do not provide con­crete precepts o f how to act in a situation o f danger; but they offer models of orientation that explain and demonstrate concepts o f technological progress, present-day risks and human proneness to error. My paper deals with stories that stage fictional disasters by using this di­chotomy of knowledge and ignorance. In fictional plots, this polarity is ex­emplified particularly by two groups: scientific experts and the media. Both groups are commonly present in stories o f technological disaster; expert-state­ments and media hype are integral parts o f the representation of disasters. Re­vealing the ignorance of either side under the threat of a fictional catastrophe is also a very efficient means to draw a group's competence of leadership or communication into doubt. But ignorance can also be used to evade certain conclusions that should be drawn from disasters or - as an other possibility - to ascribe a parabolic meaning to a situation.