Bleumer, Hartmut; Habscheid, Stephan; Spieß, Constanze; Werber, Niels (2021):
"Bindestrich-Hermeneutiken – Neue Verortungen der Lektüre? Hyphen-Hermeneutics: New Localizations of Reading?." Hermeneutik heute? – Eine Rundfrage. Special issue of Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 50.4: 563-580.
Journal Article
Abstract

Brauchen wir eine neue Hermeneutik? – Diese Frage ist rhetorisch und scheint aktuell nur vernünftig zu sein. Doch genau dieser Anschein indiziert erneut jenes Dilemma, in dem sich die aktuelle Lektürepraxis befindet. In dem durch die Digitalisierung beschleunigten Wandel der Lektürepraxis bricht es regelrecht auf, denn in ihm erweist sich die Hermeneutik als ein für Kommunikation und Lektüre unabdingbares ethisches Projekt, das zugleich selbst von eben jener Diversifizierung betroffen ist, die durch die technologisch forcierte Rationalität in Gang gebracht wurde. So zeugt die philosophisch irritierende, germanistische bzw. allgemein literatur- und sprachwissenschaftliche Pluralisierung in vielen fach- oder teilfachspezifischen Hermeneutiken ebenso vom aktuellen Problem der Hermeneutik wie von ihrer Unabdingbarkeit. Die Forderung nach einer Neuen Hermeneutik setzt also zuerst die Diagnose voraus, wie und wo ihre Spielarten sich aktuell verorten, um danach jenen gemeinsamen Ort anzuvisieren, der die Hermeneutik gleichzeitig im ›Wir‹ der Fragestellung zusammenhält. Die dazu möglichen Diagnosen werden wiederum verschieden ausfallen. Doch erst in der Summe ermöglichen sie – so die These der Herausgeber*innen der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik – einen Beitrag zur Vergewisserung über das aktuelle Verständnisproblem.


Do we need a new hermeneutics? – This question is rhetorical and seems only reasonable at the moment. But it is precisely this appearance that once again indicates the dilemma in which current reading practice finds itself. In the transformation of reading practice accelerated by digitalization, it breaks open, for hermeneutics proves to be an ethical project that is indispensable for communication and reading, and at the same time is itself affected by the very diversification that was set in motion by a technologically forced rationality. Thus, the philosophically irritating, Germanistic or general literary and linguistic pluralization into many, subject- or sub-subject-specific hermeneutics bears witness to the current problem of hermeneutics as well as to its indispensability. The demand for a New Hermeneutics thus presupposes first of all a diagnosis of how and where its varieties are currently located, in order to then target the common site that simultaneously holds hermeneutics together in the ›we‹ of the question. The possible diagnoses will again be different. But only in their totality – according to the thesis of the editors of the Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik – will they contribute to a reassurance about the current problem of understanding.